Prof. Dr. med.
Tareq Ibrahim
Leitender Oberarzt
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Chronisch-venöse Obstruktion


Chronisch-venöse Obstruktion

Venen sind Blutgefäße, die das Blut aus den Organen und Extremitäten zum Herzen zurückführen. Es wird ein oberflächliches und ein tiefes System unterschieden, wobei ca. 90 Prozent des Blutes über das tiefe System ablaufen. Eine Thrombose ist eine Gefäßerkrankung, bei der sich ein Blutgerinnsel (sog. Thrombus) in einer Vene bildet, infolgedessen es zu einer inkompletten oder kompletten Verstopfung der Venen kommt. Betroffen sind meist die tiefen Venen des Beckens und der Beine sowie die Armvenen. Das Auftreten einer tiefen Thrombose ist ein häufiges Erkrankungsbild mit ca. 200.000 Fällen pro Jahr.

Als postthrombotisches Syndrom (PTS) bezeichnet man die Auswirkungen des dauerhaften Schadens am tiefen Venensystem des Armes oder des Beines nach einer abgelaufenen tiefen Thrombose. Nach einer Venenthrombose kommt es nur sehr selten zu einer vollständigen Auflösung des Blutgerinnsels und damit zu einer Wiederherstellung eines normalen Venenflusses. Meist resultieren aus der Thrombose Narbenstränge im Gefäß, teilweise mit einem dauerhaftem Verschluss einer Vene als Folge. Da die narbigen Veränderungen auch die Venenklappen miteinbeziehen, können die Klappen ihre Funktion nicht mehr erfüllen, so dass es zu einem chronischen Blutstau im Bereich des betroffenen Beines oder Armes kommt. Etwa 50 Prozent aller Thrombose-Patienten sind langfristig von einem postthrombotischen Syndrom betroffen. Je jünger die Patienten mit chronisch-venöser Obstruktion sind, desto eher werden sie im Laufe ihres Lebens Symptome entwickeln.

Diese Patienten leiden oft an einem Schwere- oder Spannungsgefühl bzw. einer Schwellung und Schmerzen im Arm bzw. Bein. Im weiteren Verlauf (nach Monaten und Jahren) können sich Flüssigkeitseinlagerungen und sekundäre Krampfadern bilden. Im Bereich der Beine kann es dabei, insbesondere bei körperlichen Belastungen, zu einem Schweregefühl bis hin zu Spannungsschmerzen kommen. Bei einem ausreichend langen Krankheitsverlauf kann es durch Ablagerung von Eisenpigment zur Braunfärbung der Haut am Unterschenkel und später, als Folge einer chronischen Unterversorgung der oberen Hautschichten mit arteriellem Blut, zu strukturellen Hautschäden kommen (z.B. Atrophie blanche). Bei weiterer Hautschädigung entwickelt sich dann oft ein chronisches Unterschenkelgeschwür (sog. Ulcus cruris venosum). Der Schweregrad des postthrombotischen Syndroms hängt unter anderem von der Ausdehnung der Thrombose und weiteren Faktoren, wie langes Stehen, weibliches Geschlecht und Übergewicht, ab.

Klinische Zeichen einer abgelaufenen Thrombose des rechten Beines (links) mit Beinschwellung (Pfeile) im Vergleich zur Gegenseite und Nachweis einer Strömungszyanose als Ausdruck des gestörten venösen Abflusses an dieser Extremität. Chronische Abflusshindernisse führen langfristig zu typischen Hautveränderungen, wie Braunfärbung durch Eisenpigmentablagerungen (Mitte), bzw. zu einem Unterschenkelgeschwür (rechts).

Die Diagnose wird anhand der klinischen Untersuchung, einer Ultraschalluntersuchung und einer nicht-invasiven venösen Kontrastmitteluntersuchung (Phlebographie) mittels Computertomographie (CT) bzw. Magnetresonanztomographie (MRT) gestellt. Die Behandlung der chronisch-venösen Obstruktion bzw. des postthrombotischen Syndroms beschränkte sich lange Zeit auf die Durchführung einer Blutverdünnung (sog. Antikoagulation) in Verbindung mit einer Kompressionstherapie. In den letzten Jahren gab es zunehmende Bestrebungen, venöse Abflussbehinderungen im Bereich der Beckenvenen durch schonende kathetergestützte (sog. endovaskuläre) Verfahren, wie die Ballondilatation sowie die Einbringung von Gefäßstützen (sog. Stent) zu behandeln, um die Symptome des postthrombotischen Syndroms zu lindern und die gefürchteten Spätfolgen an der Haut zu verhindern. Insbesondere junge Patienten mit einer entsprechend langen Lebenserwartung sollen hiervon profitieren. Ob ein endovaskuläres Therapieverfahren im individuellen Fall möglich ist, können wir durch eine Ultraschall- und Kontrastmitteluntersuchung klären und eine Wiedereröffnung des Gefäßverschlusses durchführen.

Phlebographie einer 30-jährigen Patientin mit Verschluss der linken Beckenvenen (Vena iliaca communis / externa; schraffierte Markierung) und fehlendem venösen Abfluss in der Frühphase nach Kontrastmittelinjektion (links). In der Spätphase der Phlebographie zeigt sich ein kompensatorischer Umgehungskreislauf (*) über die Obturatorvenen (Mitte). Nach erfolgreicher Wiedereröffnung der linken Beckenvenen mittels Ballondilatation und Implantation mehrerer Stents zeigt sich ein venöser Abfluss, wobei der Umgehungskreislauf nun nicht mehr darstellbar ist (rechts). Basierend auf einer langjährigen Expertise in der Anwendung endovaskulärer Gefäßtechniken in der arteriellen Strombahn haben wir in der I. Medizinischen Klinik (Abteilung für Angiologie) umfassende Erfahrung in der interventionellen Behandlung von chronischen Gefäßverschlüssen nach einer Thrombose. Die endovaskuläre Therapie der chronisch-venösen Obstruktion ist eines der Schwerpunktthemen, mit denen wir uns wissenschaftlich beschäftigen.